Ein Blick hinter die Klischees – Geoplaner Alexander unterwegs in Russland

Verfasst von Alexander Klapschus am 15.12.2016

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Wodka zum Frühstück, gelebter Kommunismus, die Stimmung so unterkühlt wie die Temperaturen? Russland hat so viel mehr zu bieten als die gängigen Vorurteile – davon durfte ich mich auf meiner 1-wöchigen Reise nach St. Petersburg und Moskau überzeugen.

 

Mein Russland-Erlebnis beginnt bereits mit dem Hinflug. Beim Einsteigen in die Maschine von Rossiya Airlines werde ich mit einem freundlichen „dobre djin“ begrüßt, was so viel wie „Guten Tag“ heißt. Außerdem bin ich plötzlich umgeben von der kyrillischen Schrift: Уборная, запасный выход, Добро пожаловать…für mich zunächst nur russische Dörfer. Wie praktisch, dass ich nach Ankunft in St. Petersburg auf Tatiana treffe. Meine Reiseleiterin spricht perfektes Deutsch und wird mir in den kommenden Tagen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

 

Am Abend kehren wir in ein traditionelles Gasthaus am Fluss Fontanka ein. Serviert werden Soljanka (typisch Russisch mit einem Schuss saurer Sahne) und die berühmten Teigtaschen „Pelmeni“, das russische Nationalgericht. Zu Trinken gibt es W…ein! Tatiana erklärt mir, dass längst nicht jeder in Russland zur Wodkaflasche greift. Wasser, Bier oder Wein seien die gängige Wahl zu den Mahlzeiten, nur bei Familienfesten dürfe die eiskalte Spirituose nicht fehlen.

 

Bei meiner Stadtrundfahrt am folgenden Tag lerne ich die Höhepunkte St. Petersburgs kennen: Die Isaakskathedrale, die Peter-und-Paul-Festung mit ihrem berühmten goldenen Turm und natürlich die Eremitage – die „Schatzkammer“ St. Petersburgs. Das Foyer des Winterpalastes ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Chinesen, Deutsche, Inder und natürlich auch Einheimische treffen hier zusammen, um die bemerkenswerte Kunstsammlung russischer Kaiser zu bestaunen. Dies macht sich auch in der Lautstärke bemerkbar. Mein erster Gedanke: Ich will hier wieder raus! Doch nach und nach verteilen sich die Menschenmassen in den unzähligen Gängen und Ausstellungsräumen. Und so komme ich tatsächlich in den Genuss, nahezu allein die berühmten Raffael-Loggien zu durchqueren. Ein erhabener Moment!

 

Als Ausklang des erlebnisreichen Tages spazieren wir entlang des Newski Prospekts, der wohl bekanntesten Prachtmeile St. Petersburgs. „Hier kann man wunderbar shoppen!“, wirbt Reiseleiterin Natalia. Doch für die zahlreichen Einkaufsmöglichkeiten links und rechts von mir habe ich gar keinen Blick. Meine ganze Aufmerksamkeit gilt den imposanten Bauwerken, welche sich alle paar Meter vor mir präsentieren. Die Auferstehungskirche mit ihren bunten Farben scheint wie gemalt, die gigantische Kasaner Kathedrale gleicht dem Petersdom in Rom, das Alexandrinsky Theater wird im Dunkeln majestätisch beleuchtet. Schnell ist die Entscheidung gefällt: Shoppen wird vertagt!

 

Die Fahrt nach Moskau im Sapsan-Hochgeschwindigkeitszug vergeht wie im Flug. Zwar ist die Landschaft nicht unbedingt atemberaubend, dafür erspäht man eine Vielzahl russischer Datschen. Diese typischen Ferienhäuschen werden von den Stadtbewohnern vor allem an den Wochenenden genutzt. Zur Erholung und zum Schwitzen im russischen Dampfbad! Manche vorbeiziehenden Datschen erinnern an deutsche Schrebergärten, andere gleichen einem Boutique Hotel auf Luxusniveau. Tatiana erklärt: „Die Datscha ist russisches Kulturgut, für Arm UND Reich.“

 

Bei meiner Ankunft am Moskauer Bahnhof Leningradsky ist es stockdunkel und gefühlt 10 Grad kälter als in St. Petersburg. Auf den ersten Blick macht die russische Hauptstadt einen unpersönlichen, fast schon trübseligen Eindruck. Ist doch etwas dran an dem Klischee? Keineswegs! Zwar bleibt es auch am Folgetag eisigkalt, doch in der Innenstadt tobt das Leben. Moskau ist unwahrscheinlich facettenreich, Traditionelles und Modernes wechseln sich im Minutentakt ab.

 

Allein die Tour durch den Kreml gleicht einer Zeitreise. Seit dem 12. Jahrhundert haben sämtliche russische Zarendynastien ihre Spuren in der Festungsanlage hinterlassen. Und so befinden sich historische orthodoxe Kathedralen dicht an dicht mit sowjetischer Architektur des 20. Jahrhunderts, teilweise sogar durch Tunnel miteinander verbunden. Vorbei am Erlöserturm verlassen wir den Kreml und befinden uns direkt auf dem Roten Platz. Sofort springt mir das GUM ins Auge, Moskaus größtes und wohl bekanntestes Edelkaufhaus. Hier wird exklusives Einkaufen genauso international zelebriert wie im Pariser Lafayette oder Berliner KaDeWe. Doch auch ohne vollen Geldbeutel gibt es genug zu bestaunen, z.B. die imposanten Deckenkonstruktionen aus Glas und den fast schon kitschigen Springbrunnen in der Haupthalle.

 

Am letzten Tag meiner Reise verlasse ich die Innenstadt und fahre mit Tatiana nach Sergijew Possad. Dort befindet sich mit dem Dreifaltigkeitskloster eine der bedeutsamsten religiösen Zentren Russlands. Obwohl Sergijew Possad als internationaler Touristenmagnet gilt, ist die spirituelle Atmosphäre in der Klosteranlage allgegenwärtig. Über 300 Geistliche leben hier, bei meinem Rundgang treffe ich gleich auf mehrere Mönche mit ihren markanten schwarzen Roben. Wichtigstes Heiligtum der Anlage ist das Grab des Heiligen Sergius von Radonesch. Hunderte russische Pilger reihen sich hier in eine schier endlose Warteschlange, um einen kurzen Augenblick allein vor dem Grabmal stehen zu dürfen. Wenn der Moment dann gekommen ist, wird es emotional. Einige Pilger erstarren vor Ehrfurcht, andere verteilen Küsse an den Heiligen, wieder andere weinen einfach nur vor Freude. Wer eine solche Szene miterleben durfte, ist überzeugt: Russland ist ein Land mit Herz und Seele.

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