„Sierra Leone – ist da nicht Bürgerkrieg und ist es nicht sehr gefährlich dort?“. Wenn man den Film "Blood Diamond" mit Leonardo DiCaprio gesehen hat, könnte man sich ehrlich fragen, warum man überhaupt in Erwägung ziehen sollte, nach Sierra Leone zu reisen, wenn man nicht zufällig schon in allen anderen Ländern der Welt war oder ein besonderes Faible für Katastrophentourismus hat.
Vorweg: Blood Diamond ist ein fantastischer Film – aber eben auch Hollywood-Kino und spielt 25 Jahre in der Vergangenheit. Auf dem Hinflug in ein Land, über das ich noch sehr wenig weiß, außer dass es in Westafrika liegt, einem Teil der Welt, den ich bereits vor über zehn Jahren sehr für mich entdeckt habe, man dort Englisch spricht und es aus mir nicht ganz erklärlichen Gründen eines der sichersten Länder Afrikas sein soll (im übrigen weit vor Kenia oder Tansania), kann ich nicht widerstehen, mir diesen Film noch einmal anzusehen.
In der Abenddämmerung landen wir am Flughafen von Freetown. Der kleine, aber quietschmoderne Airport liegt ein ganzes Stück außerhalb, sodass man in die Hauptstadt entweder eine Fähre nehmen oder drei Stunden mit dem Auto zurücklegen muss. Afrikanische Wärme und das Zirpen der Zikaden im satten Grün des Umlands begleiten unseren Transfer in die erste Unterkunft. In Minuten verstummt jegliche Stimme in meinem Kopf, die nach dem Film kurzzeitig in Frage gestellt hat, ob man hier hinreisen sollte.
Freetown ist eine afrikanische Metropole, die durch ihre Lage am Meer zwischen Hügeln und Buchten eine besondere Atmosphäre versprüht. Sicherlich, wir befinden uns in Westafrika: Viel Müll in den Straßen, kaputte Autos, ärmlich gekleidete Menschen, Abgase und Lärm. Was mir aber sofort auffällt, ist, dass bei der Fahrt durch die Stadt immer wieder Kinder am Straßenrand winken und freundlich schauen. Man kann problemlos zu Fuß in der Stadt unterwegs sein, ohne das Gefühl zu haben, dass es gefährlich sein könnte. Immer wieder wird man mit einem fröhlichen „Aw di bodi?“ (Krio für „Wie ist der Körper“, also „Wie geht es dir?“) und einem Handschlag gegrüßt und fühlt sich willkommen.
Es ist diese Herzlichkeit der Menschen, die die westafrikanischen Nationen eint. Dennoch leiden viele dieser Länder bis heute an ihrer Geschichte, Korruption, Terror und Kriminalität. Nicht so Sierra Leone. In Freetown besuchen wir das Peace Museum. Zwar haben wir aufgrund des straffen Zeitplans auf unserer Erkundungsreise nur wenig Zeit, aber der kurze Blick in die Geschichte des Bürgerkriegs reicht, um bei uns für trockene Hälse und feuchte Augen zu sorgen. Es ist immer wieder erstaunlich und verstörend, was Menschen anderen Menschen antun können. Unser Reiseleiter – so ein lebensfroher und unglaublich kompetenter Mensch sowohl zwischenmenschlich als auch in seiner Funktion als Reiseleiter – erzählt uns als Zeitzeuge seine Geschichte. Darüber zu sprechen, ist für ihn seine Art der Therapie. Blood Diamond findet er als Film übrigens schlecht – nicht, weil er nicht akkurat erzählt wäre (leider!), sondern weil er den Menschen Angst davor macht, nach Sierra Leone zu reisen oder ihnen ein schlechtes Bild von diesem Land vermittelt.
Seit 2001 der Bürgerkrieg und der Diamantenrausch ein Ende gefunden haben, hat das Land eine 180-Grad-Wendung vollzogen. Man ist kriegsmüde geworden und hat es geschafft, dass alle an einem Strang ziehen. Man will das Land nach vorne bringen und eine gemeinsame und friedliche Nation sein. Wenn Sie mich fragen, ist das bisher mehr als vorbildlich gelungen.
Auf unserer achttägigen Reise durch das Land lernen wir dessen verschiedenen Facetten kennen: Seine lange Geschichte, die durch die dunkelsten Epochen mit Sklaverei und Bürgerkrieg geprägt ist, seine lebensfrohen und herzlichen Menschen, seine fantastische Küche und natürlich auch seine unberührte und artenreiche Natur:
Bunce Island, im Flussdelta vor Freetown gelegen, ist ein Mahnmal aus der Zeit der Sklaverei und beeindruckt uns sehr. Im Inland besuchen wir die Stadt Makeni und unternehmen einen Ausflug in eine lokale Dorfcommunity: Tanzeinlagen und authentische Einblicke geben uns ein gutes Gefühl, dass es sich nicht um ein reines Touristenprojekt handelt, sondern alle Beteiligten Spaß an der Begegnung hatten. Tiwai Island, eine Flussinsel inmitten des Dschungels, ist unser Ausgangspunkt für die Entdeckung der Tierwelt. In dieser noch fast touristenfreien Region unternehmen wir eine Bootssafari sowie eine Nachtwanderung und entdecken zahlreiche Primaten und Affen, bunte Vögel aller Art und Größe sowie ein Otterpärchen. Die Strände an der Küste vor Freetown bilden unseren Reiseabschluss und diese können sich wirklich sehen lassen. Feiner Sandstrand und erstklassige Meeresfrüchte versüßen uns unseren Aufenthalt.
„Besuchen Sie Sierra Leone, bevor es alle anderen tun“: Diesen Slogan trägt unser lokaler Partner auf dem T-Shirt und aus einem anfänglichen Schmunzeln darüber ist eine ehrliche Überzeugung meinerseits geworden, dass man es treffender kaum ausdrücken kann:
Sierra Leone ist kein Land für Luxusreisende und vermutlich auch kein Reiseziel für jedermann – aber vielleicht eines der ehrlichsten und authentischsten Länder, die man aktuell auf der Welt ohne Sicherheitsbedenken haben zu müssen und trotzdem gutes Niveau genießen zu dürfen, bereisen kann.
Ich bin immer wieder beeindruckt, wie ein Land es schaffen kann, nachdem es die dunkelsten und grausamsten Dinge erdulden musste, sich so eine Einheit und Lebensfreude beizubehalten. „Salone“ hat mich berührt und ein bisschen vermisse ich bereits ein leckeres „Crain Crain“ aus Maniokblättern mit Reis und die herzliche Leichtigkeit der Menschen.
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