Armenien fasziniert mich schon lange. Das kleine Land liegt an der Schnittstelle zwischen Orient und Okzident. Hier treffen ein tiefverwurzeltes Christentum, Spuren der Seidenstraße und sowjetischer Brutalismus aufeinander. All das ist eingebettet in eine atemberaubende, abwechslungsreiche Landschaft.
Meine Reise begann in der armenischen Hauptstadt Jerewan. Überrascht hat mich, wie sauber das Zentrum ist und wie gut es sich zu Fuß erkunden lässt. Zwischen den elegant gekleideten Armenierinnen kam ich mir in meinen Turnschuhen fast ein wenig underdressed vor. Geduld erfordert allerdings der Verkehr – dafür wird es nie langweilig: von mit Weintrauben beladenen alten Ladas bis hin zu glänzenden Rolls-Royce-Limousinen ist auf den Straßen alles unterwegs.
Seinen wahren Zauber entfaltet Jerewan jedoch am Abend, wenn es dunkel wird und die Straßen vom Schein der Straßenlaternen und zahlreichen Lichterketten beleuchtet sind. Eine Weinbar reiht sich an die nächste, dazwischen liegen stilvolle Restaurants und moderne Bars. In eine davon gelangt man durch einen Tunnel, der in den Hof eines verlassenen Gebäudes führt, rundherum gruppierten sich mehrere Bars. Von Wein über Craft-Bier bis zu Cocktails findet hier jeder etwas nach seinem Geschmack.
Doch auch kulturell hat Jerewan einiges zu bieten. Besonders das Matenadaran, das Museum für antike Handschriften, hat mich fasziniert. Jahrhundertealte Bücher werden dort mit großer Hingabe bewahrt. Ein Highlight war der Besuch bei einem Duduk-Meister. In seinem weitläufigen Garten wurde ich mit Tee und Leckereien empfangen und bekam einen Einblick in die traditionellen armenischen Blasinstrumente. Beim Klang der Duduk fühlte ich mich kurz in die magische Welt von Narnia versetzt.
Schließlich ging es raus aus der Hauptstadt. Der erste Stopp brachte mich zu dem wohl berühmtesten Postkartenmotiv Armeniens: dem Kloster Chor Virap, hinter dem sich der mächtige Ararat erhebt. Bei einer Kaffeepause konnte ich diesen Anblick in aller Ruhe genießen.
Anschließend folgte ein weiterer Höhepunkt der Reise: die Fahrt durch den Canyon zum Kloster Noravank. Die Farben waren überwältigend, rot getönte Felsen, gesprenkelt mit grünen Bäumen und darüber ein strahlend blauer Himmel. Mit einem Jeep ging es Offroad zu einem Aussichtspunkt, von dem sich ein atemberaubender Blick über die Schlucht und das Kloster öffnete. Abgerundet wurde der Tag mit einem Besuch bei einem lokalen, familiengeführten Weingut.
Am nächsten Tag ging es weiter zum Sewansee, einem der größten Gebirgsseen der Welt. Besonders schön war die Morgenstimmung: leichter Dunst lag über dem See und es war nicht zu erkennen, wo der See endete und der Himmel begann. Passend zu dieser Stimmung besuchte ich zunächst den alten Friedhof von Noratus. Zwischen den reich verzierten Kreuzsteinen, den Chatschkaren, fühlt man sich wie auf einer Reise durch Jahrhunderte armenischer Geschichte.
Vorbei an Klöstern, die über dem Wasser thronen, verließen wir den Sewansee und seine eher trockene Landschaft. Ein Tunnel markiert die Grenze zur benachbarten Region Dilidschan und sorgt für einen dramatischen Übergang: Am Ende des Tunnels eröffnet sich der Blick auf einen dichten, in bunten Herbstfarben leuchtenden Wald. Zwischen den Hügeln schlängelt sich die Straße durch diesen Märchenwald, bevor wir erneut einen Tunnel erreichten. Auf der anderen Seite erwartete uns die Region Lori mit ihren Gebirgsketten und grünen Weiden, die in tiefen Schluchten enden.
Unser Picknick wollten wir an einem Aussichtspunkt einnehmen. Vom Tal aus sah ich bereits einen Rastplatz am Rande eines Abgrunds, an dem wir jedoch fröhlich vorbeifuhren. Kurz darauf bog mein Guide zwischen zwei Leitplanken von der Straße ab und fuhr querfeldein über eine Wiese bis zum Rand eines Canyons. Ein privater Picknickplatz mit fantastischer Aussicht.
Am Nachmittag zogen Wolken auf, die die Sonne leicht verhüllten und eine besonders schöne, mystische Atmosphäre in den Klöstern Sanahin und Haghpat schufen. Mein Partner ließ es sich nicht nehmen, die besondere Akustik in Haghpat zu testen und legte eine spontane Gesangseinlage ein – was für Begeisterung bei einer russischen Touristin sorgte.
Am nächsten Tag erwartete mich auf dem Rückweg nach Jerewan ein weiterer genussvoller Stopp auf dem Weingut Van Ardi. Bei einer Führung erfuhr ich auf sehr lebendige Weise mehr über das Weingut und den Weinanbau in Armenien im Allgemeinen. Da Wasser ein Erinnerungsvermögen hat, legt man auf dem Weingut Wert auf gute Schwingungen und spielt dem reifenden Wein klassische Musik vor. Es scheint zu funktionieren, denn der Wein, den ich anschließend verkosten durfte, war köstlich. Ein weiteres Highlight war das Mittagessen dort. Der Tisch stand zwischen den Weinreben und bot einen wunderschönen Ausblick: auf der einen Seite lag der Ararat, auf der anderen der Aragaz, der höchste Berg Armeniens.
Am letzten Tag meiner Reise standen einige der wichtigsten Sehenswürdigkeiten rund um Jerewan auf dem Programm, darunter das Kloster Geghard und der Tempel von Garni. Besonders schön war der Spaziergang durch die „Symphonie der Steine“, unterhalb des Tempels. Abgekühlte Lava hat dort Basaltsäulen geformt, die an Orgelpfeifen erinnern.
Ausklingen ließ ich die Reise – wie sollte es anders sein – bei leckerem Essen und gutem Wein.
Armenien hat auf kleinem Raum unglaublich viel zu bieten: beeindruckende Landschaften mit schneebedeckten Gipfeln, tiefen Canyons und glitzernden Gebirgsseen, mystische Klöster und eine lebendige Hauptstadt. Auch kulinarisch kommt man hier voll auf seine Kosten. Wer ein authentisches Reiseziel sucht, fernab großer Touristenströme, ist in Armenien genau richtig.
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