Wandern in Japan – Auf den Spuren der Händler aus vergangenen Tagen

Ein Reisebericht über den alten japanischen Handlungsweg Nakasendo

Verfasst von Jan Flörecke am 22.08.2025

Nach einer langen Zugfahrt durch die sanft geschwungenen Berge der Präfektur Nagano erreichte ich am späten Nachmittag Kiso-Fukushima. Der Ort liegt malerisch entlang eines reißenden Gebirgsflusses. Damals rasteten hier Händler und Samurai, heute sind es vor allem Wanderer und Geschichtsinteressierte, die sich in den stillen Charme des Ortes verlieben.

Meine Unterkunft für die Nacht war das Ryokan Urara Tsutaya – ein wahres Schmuckstück traditioneller japanischer Gastfreundschaft. Mein Abendessen war ein kulinarischer Höhepunkt: mein erstes echtes A5 Wagyu aus Matsumoto. Zart, buttrig und so aromatisch, dass ich mich fragte, ob ich je wieder anderes Rindfleisch würde essen wollen. Danach folgte ein entspannender Onsen, der sich hoch oben am Berghang befand und von dem aus man einen Blick über das verträumte Kiso-Fukushima hatte.

Am nächsten Morgen klingelte mein Wecker unbarmherzig früh. Noch vor Sonnenaufgang saß ich im Zug nach Nagiso, um den berühmten Abschnitt des Nakasendo bis Magome zu wandern. Zuerst ging es nach Tsumago, einem der best erhaltenen Postorte Japans. Hier wirken die dunklen Holzbalken, geschnitzten Dachgiebel und traditionellen Papierlaternen fast wie Kulissen – bis man merkt, dass tatsächlich Menschen darin leben, morgens ihre Pflanzen gießen und Wäsche aufhängen. Keine modernen Stromleitungen stören den Blick und selbst die Schilder der Läden sind in altjapanischer Schrift gehalten.

Von Tsumago aus begann einer der schönsten Wanderabschnitte meiner Reise. Der Weg schlängelte sich durch kleine Weiler, in denen das Wasser der Holzrinnen klappernd in alte Steinbecken plätscherte. Zwischen Bambushainen und Ahornwäldern tauchten immer wieder kleine Schreine am Wegesrand auf, als wollten sie den Wanderern Glück mit auf den Weg geben. Ein Highlight war der Odaki- und Medaki-Wasserfall – zwei Kaskaden, die der Legende nach ein Liebespaar darstellen, das für immer zusammen sein wollte. Neben Wasserfällen ließ sich auch ein öffentliches Teehaus mit kostenlosem Tee finden und ebenfalls eine Tafel mit Kreide, wo man einen Strich für das dazugehörige Land setzen konnte. Ein kurioser Garten, welcher reichlich mit Münzen bestückt war, stellte wohl die merkwürdigste Sehenswürdigkeit auf dieser Wanderung dar.

Als ich schließlich Magome erreichte, präsentierte sich der Ort perfekt im Licht der berühmten Golden Hour, wie sie kein Fotofilter hätte besser malen können. Das Pflaster glänzte warm und die Dächer der Häuser schienen im letzten Sonnenlicht beinahe zu glühen. Ich ließ mich von der leichten Hanglage nach unten tragen, vorbei an kleinen Cafés, Soba-Läden und Souvenirgeschäften, deren Türen einladend offenstanden. Vor allem der Duft des berühmten Hinoki-Holzes aus Kiso stieg einem direkt in die Nase.

Nach Magome machte ich jedoch den wohl größten Fehler meiner Reise: Ich dachte, ich könnte „mal eben“ auch noch das letzte Stück bis Nakatsugawa wandern anstatt wie jeder andere den Bus zu nehmen. Ein Blick auf die Uhr, ein vergleichbarer Blick auf Google Maps – „Ach, nur 1 Stunde, na, wenn das so ist.“ Ein fataler Irrtum, wie sich später zeigen sollte. Die Sonne verabschiedete sich deutlich schneller hinter dem Bergkamm als ich es eingeplant hatte und bald fand ich mich in einem stockdunklen Wald wieder. Kein Mondlicht, kein Sternenhimmel, nur absolute Schwärze – und dann knack. Das Geräusch eines Astes irgendwo neben mir ließ sämtliche japanische Geistergeschichten, die ich während meines Studiums gelesen hatte, gleichzeitig in meinem Kopf aufploppen.

Mit einem plötzlichen Anstieg meiner Gehgeschwindigkeit (man könnte auch sagen, einem kleinen Sprint) griff ich zum Handy und rief das nächstgelegene Taxiunternehmen an. Wenig später holte mich ein freundlicher Fahrer ab, der mich mit einem breiten Grinsen und den Worten „Sie wissen schon, dass hier Bären leben?“ begrüßte. „Ach, dafür sind die Glocken im Wald verteilt gewesen, welche man hören konnte?“ erwiderte ich und war froh, dass ich nicht als A5 Jangyu auf der Speisekarte eines Bären gelandet war.

So endete meine Wanderung etwas anders als geplant, aber mit einer Geschichte, die ich garantiert nicht vergessen werde. Das Kiso-Tal hat mir gezeigt, wie nahtlos sich hier Natur, Geschichte und authentische Gastfreundschaft verweben – und dass man bei Sonnenuntergängen in den Bergen lieber etwas großzügiger kalkulieren sollte.

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