Schon bei meinem ersten Besuch am Grand Canyon hatte ich mich in die landschaftliche Vielfalt und Schönheit Nordamerikas verliebt. Nirgendwo sonst bin ich seitdem häufiger hingereist als in die imposanten National- und State Parks im Südwesten der USA. Was mir jedoch bisher fehlte waren die ausgedehnten Prärien der Mountain States, ehemals Zeugen gigantischer Büffelherden und mehrerer Indianerstämme. Beginnend bei Denver, unweit der Rocky Mountains, erhoffte ich mir neben der Sichtung einiger Tiere und beeindruckender Landschaften auch, die Cowboykultur kennezulernen. Die Reise sollte eine Mischung aus klassischem Road-Movie und einiger Aktivitäten werden.
80er-Nostalgie statt Rocky Mountains?
Der erste Halt unserer Tour war Fort Collins, nördlich von Colorados Hauptstadt Denver gelegen. Noch nie gehört? Macht nichts, ging auch mir so. Es handelt sich hierbei um eine hippe Studentenstadt mit einer Main Street, die angeblich Walt Disney zu der legendären Hauptstraße in den Disney-Vergnügungsparks inspiriert haben soll. Sehr viel Eindruck hat auf mich auch der Besuch in der Totally 80’s Pizzeria hinterlassen. Ja, Pizza können sie in Amerika, aber wer im Totally 80’s einkehrt, findet sich umringt von Arnold Schwarzeneggers Terminator, Michael Jackson im Thriller-Kostüm, dem Hoverboard aus Zurück in die Zukunft und dem in Karbonit eingefrorenen Han Solo. Aus den Lautsprechen ertönen Smash Hits von Cyndi Lauper oder Bon Jovi. Der gesamte Laden ist vollgestopft mit Ikonen und Andenken aus den 80er Jahren. Mir sind vor Freude und ohne Übertreibung die Tränen gekommen, als ich mich an meine Kindheit zurückerinnert habe. Und dazu noch eine leckere, triefende Pizza… Herrlich!
Willkommen in der unendlichen Weite
Von Colorado ging es nach South Dakota. Auf dieser Etappe lernt man das erste Mal die Bedeutung des Begriffs „endlose Weite“ kennen. Mitunter bildet der Asphalt 30 Minuten lang den einzigen Beweis menschlicher Zivilisation. Das Ziel nach etwa 4,5 Stunden Fahrt lautete Custer, in den Black Hills. Nach einer langen Zeit flachen Landes erheben sich mit den Black Hills immerhin die höchsten Gipfel östlich der Rocky Mountains aus der Ebene. Sie sind Heimat von Mount Rushmore, der berühmten in den Felsen gearbeiteten Präsidentenköpfe. Das gesamte Areal bildet einen fantastischen Outdoor Spielplatz für Paare und Familien. Wandern, Sightseeing, Kultur, Kanufahren, alles ist möglich. Neben Mount Rushmore und dem künstlichen, aber bildhübschen Silvan Lake stand ein Tagesausflug in den Badlands Nationalpark auf meiner Liste. Da ich unbedingt das Farbspiel der ersten Sonnenstrahlen dort sehen wollte, klingelt der Wecker um 02:30 Uhr. Leider mussten wir aufgrund von hartnäckigem Nebel umkehren und später wiederkommen. Aber der surreale Anblick der plötzlich aus der Graslandschaft aufragenden roten Felsformationen haben uns für die Mühen des Tages entschädigt.
Bisons haben grundsätzlich Vorfahrt
Ein echtes Highlight der Tour war die erste Begegnung mit den Tieren im Custer State Park:
Da fährt man gemütlich durch das reizvolle Naturschutzgebiet und plötzlich stehen sie nur wenige Meter neben der Straße, stoisch dreinblickend und Gräser kauend: zwei Bisons. Unsere Anwesenheit scheint sie nicht zu beeindrucken, behutsam wuchten sie die massigen Körper Schritt für Schritt über die Wiese auf der Suche nach dem nächsten Maulvoll leckeren Futters. Irgendwann, ein Zeitgefühl gibt‘s nicht mehr, queren die beiden die Straße und machen sich auf in Richtung Wald. Wahnsinn, ein tolles Erlebnis.
Prairie Dogs – besser als jedes Fernsehprogramm
Verglichen damit waren die nächsten Kumpels winzig, aber nicht minder unterhaltsam: In dieser Region der USA sollte man stets nach Ansammlungen verdächtiger Hügel auf dem Gras suchen. Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß auf Prairie Dogs zu treffen. Diese Racker versammeln sich gerne in illustren Runden, buddeln, quieken und rennen unentwegt umher. Eigentlich bräuchte es nur einen Klappstuhl und ein bisschen Popcorn und man könnte dem Treiben stundenlang zusehen.
Zwischen Bärenlegenden und Neonparadies
Auf dem Weg nach Wyoming gehören zwei Stopps eigentlich zum Pflichtprogramm: der geheimnisvolle Devils Tower und das herrlich schräge Frontier Auto Museum in Gillette. Der Devils Tower ist ein mystisch anmutender Monolith, dessen zerfurchte Flanke einer indigenen Sage nach durch die Krallen eines Bären verursacht wurde, als er versuchte die Kinder zu erreichen, die sich auf dem Gipfel in Sicherheit gebracht hatten.
Ein idealer Mittagshalt ist Gilette, Wyoming. Die Stadt selbst ist zu vernachlässigen. Aber es gibt dort das Frontier Auto Museum. Dieses Museum hat Oldtimer - viele Oldtimer. Und es gibt dort Neonlichter - viele Neonlichter. In großen, aber eigentlich dann doch viel zu kleinen Räumen, werden die Neonschilder zusammen mit den Autos, alten Tanksäulen, Staubsaugern, Registrierkassen und unzähligem weiteren Kram zusammengestellt – kein Zentimeter Platz wird ausgelassen. Eine komplette Reizüberflutung, einfach cool. Ich hätte den halben Tag dort verbringen können.
Cowboyhut auf – Abenteuer an!
Die selbsternannte „Rodeo-Hauptstadt“ Cody wurde Ende des 19. Jahrhunderts vom berühmten Buffalo Bill gegründet. Und die Wilder-Westen-Wurzeln sind in Cody an vielen Ecken zu sehen und zu spüren. In den Sommermonaten findet hier täglich abends ein Rodeo statt. Ich ließ es mir nicht nehmen und kaufte mir standesgemäß einen Stetson Hut und trug ihn feierlich mit zum Festival am Abend. Bis heute weiß ich nicht, ob ich die einzelnen Disziplinen aufregend oder beängstigend fand, es war vermutlich eine Mischung aus beidem. Für mich selber wäre die Teilnahme am Rodeo undenkbar, stattdessen unternahm ich auf einer Ranch außerhalb Codys den ersten Reitausflug meines Lebens. Mein Pferd war ein bisschen mürrisch und fraß lieber Gras, statt dem Vorderpferd zu folgen. Aber der Ausblick auf die umliegenden Berge einfach nur traumhaft schön.
Außer Pferden und Hüten hat Cody aber noch mehr zu bieten. Neben tolle Museen, die in die Zeit des Wilden Westens entführen, stehen hier klassische Barbecues und Musik auf der To-Do-Liste. Da werden einem deftige Bohnen nebst leckeren Steaks gereicht, mal in Form eines Buffets, mal in kleiner Runde in einem Park. Im Anschluss an das Buffet gab es eine wirklich vorzügliche Darbietung aus Countrymusik, gepaart mit einer großen Prise Humor. Diese Damen und Herren auf der Bühne waren unterhaltsamer als alles, was man in den hiesigen TV-Castingshows zu sehen bekommt.
Yellowstone – drei Tage? Eher zu wenig!
Ich hatte über den Yellowstone Nationalpark schon vieles gehört, war aber noch nie zuvor selber dort gewesen. Häufig verbringen internationale Gäste dort ein oder zwei Tage. Wir waren uns nun nicht sicher, ob wir die geplanten drei Tage werden füllen können. Wir hatten ja keine Ahnung…
Der Yellowstone ist groß, wirklich verdammt groß. Mehr als die Hälfte aller Geysire weltweit sind hier zu finden. Es brodelt, raucht, zischt, spuckt und riecht in unterschiedlichsten Formen und Farben. Kann dies langweilig werden? Für mich jedenfalls nicht. Die Vielfalt dieser Naturschauspiele hat uns überwältigt. Und als wären die geologischen Phänomene nicht genug wartet eine beeindruckende Tierwelt darauf, entdeckt zu werden. Allen voran sind die Bisonherden zu nennen. Der Nationalpark steht zwar unter menschlicher Verwaltung und zahlreiche Autos fahren tagsüber (langsam) die Straßen entlang, aber die Hausherren sind zweifelsohne die zottligen Ungetüme. Wenn diese sich trotzig auf die Straße legen, kann schonmal eine Stunde der Verkehr (und die Zeit) stillstehen
Dinosaurier, Stromschnellen und nasse Füße
Nach Yellowstone und Grand Teton wartete mit Utah ein völlig anderes Landschaftsbild. Sandfarbene Felsplateaus, Dinosaurierfossilien und mein erstes Rafting-Abenteuer sorgten für jede Menge Adrenalin. Für mich als Dinosaurierfan ging hier ein kleiner Traum in Erfüllung: Im Dinosaur National Monument befindet sich eine gigantische überdachte Felswand, in der hunderte Fossilien zu bestaunen sind. Und weil in der sengenden Hitze keine Lust hatte auf kilometerlange Wanderungen zu versteinerten Dinosaurerspuren in „freier Wildbahn“ (die gibt es hier nämlich auch zu sehen), kam die klimatisierte Halle im Schatten wie gerufen.
In Cody saß ich zum ersten Mal auf einem Pferd, in Vernal stieg zum ersten Mal in ein Rafting Boot. Anfangs war Respekt das vorherrschende Gefühl. Die Schwimmweste festgezurrt, den Helm auf dem Kopf, das Paddel in den Händen und die Füße in die Kanten des Bootes gestemmt folgten wir den spaßigen und motivierenden Einweisungen unseres Captains. Zwar war ich nach den ersten Stromschnellen direkt durchnässt, aber die Zeit verging wie im Fluge und ich persönlich hätte noch die gleiche Zeit draufpacken können. Beim Lunch am Ufer gab es leckere Tacos und die gesamte Gruppe war glücklich den Canyon des Green River aus dieser beeindruckenden Perspektive erleben zu dürfen.
Wellness nach Wildwest-Art
Dem kurzen Abstecher nach Utah folgte die Rückkehr nach Colorado. Die Landschaft wurde grüner, die Berge höher – Zeit für eine wohlverdiente Pause in den heißen Quellen von Glenwood Springs. Wir näherten uns den Rocky Mountains. Es gibt in Colorado zahlreiche Mountain Cities, allen gemein ist die schöne Lage und ein niedliches Stadtbild. Wir hatten uns für Glenwood Springs entschieden, weil wir nach Tagen des Wanderns, Raftings und Reitens eine Auszeit in den namensgebenden heißen Quellwasserpools nehmen wollten. Von eben diesen führt auch eine Seilbahn hinauf zum höchst gelegenen Vergnügungspark der USA.
Zum Abschied noch einmal ganz großes Kino
Die Trail Ridge Road des Rocky Mountain Nationalparks führte uns dann entlang atemberaubender Aussichten zu unserer letzten Reiseetappe, dem hübschen Städtchen Estes Park. Hier genossen wir die Spaziergänge am Bachweg, besuchten das Hotel, das Stephen King als Vorlage zu „The Shining“ diente, unternahmen einen erneuten Ausritt und beobachteten die Hirsche, die es sich überall in der Stadt und vor unserer Holzhütte gemütlich gemacht machten. Es war ein gemütlicher und schöner Schlusspunkt unserer Tour!
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